• Alexandra Just

Warum kann Aufrichtung ein Problem sein?

Das Pferd hat als Fluchttier sehr energieeffiziente Bewegungsmuster ausgeprägt. Dazu benötigt es wenig Muskelkraft, sondern nutzt dazu hauptsächlich Energie aus Sehnen, Bändern und Fasziengewebe. Wenn wir als Reiter versuchen, ein Pferd früh aufzurichten, weil wir es auf die "Hinterhand setzen" und die Vorhand entlasten wollen, kann es diese energieeffizienten Bewegungsmuster nicht mehr ausführen und muss hierfür Muskelkraft einsetzen.


Das hört sich ja erstmal gut an, denn wir wollen Muskeln ja trainieren. Leider ist es so, dass die Pferde zu Beginn des Trainings ihre Hinterhand noch nicht als Motor entdeckt haben. Wenn Pferde sich natürlich fortbewegen, geschieht dies im Schritt und sie tragen sie die meiste Zeit Kopf und Hals unten. Dabei dient die Hinterhand nur als Widerlager zum Gewicht der Vorhand und ist "passives Funktionsgewebe", das halt am Rumpf mit dran hängt. Bis Pferde die Hinterhand als Motor entdecken, erfordert etwa 3-4 Jahre Training.


Wenn nun der Reiter den Rahmen des Pferdes durch Aufrichtung begrenzt (wir hören vom Reitlehrer: "Halt ihn vorne fest und treib von hinten."), passiert biomechanisch folgendes: Das Pferd kann den Hebel des Halses nicht mehr zur Vorwärtsbewegung nutzen, sondern muss seinen Rumpf nun mithilfe des breiten Rückenmuskels über die Schulter nach vorne ziehen. Dabei hilft auch der tiefe Brustmuskel. Macht man dies zu lange und zu oft, werden diese Muskeln hyperton und ziehen die Vorderbeine nach hinten, da sie von medial (von der Innenseite) am Oberarm ansetzen. Die Vorderbeine werden rückständig, im schlimmsten Fall rotieren sie sogar nach innen. Der Muskelbauch des M. latissimus dorsi ist, wenn er übertrainiert ist, gut als "Beule" hinter dem Schulterblatt zu sehen und zu fühlen. Von Springreitern wird er deshalb oft als "zweite Pausche" bezeichnet.




Die Folgen sind erhebliche Rittigkeitsprobleme (fehlende Biegebereitschaft, vermindertes Untertreten, fester Rücken, flachere Gänge, keine reelle Dehnungshaltung mehr möglich, Pferd geht gegen die Hand, fehlende Anlehnung) und gesundheitliche Folgen durch Überlastung der palmaren Strukturen (Fesselgelenk, Beugesehenen, Hufrollen, Gleichbeine), die mehr Stemmarbeit leisten müssen, weil die Hangbeinphase reduziert ist: Schäden an Sehnen und am Fesselträgertrageapparat, Bockhuf, Arthrose in den Fußendgelenken, Kompression der Halswirbelkörper bis zur Arthrose, Stolpern durch Irritation des Nervenarmgeflechts, Kulenbildung in der hinteren Rückenlage, Senkrücken bis schlimmstenfalls Kissing Spines.


Wenn man dies liest, dann werden 2 Dinge klar:

1) Das verpöhnte "Latschen auf der Vorhand" ist für Pferde, die noch nicht über die entsprechende Muskulatur an Hinterhand und Hals verfügen, um in Selbsthaltung zu gehen, gesünder als eine Aufrichtung, die durch die Reiterhand erzwungen wird.

2) Um ein Pferd aufzurichten und es dabei nicht kaputt zu reiten, ist Geduld und vorbereitendes Training (auch am Boden) notwendig. Es braucht Zeit, die im Turniersport oft fehlt und im Reitunterricht kaum vermittelt wird.


Hat man nun ein rückständiges Pferd, hilft vor allem das Dehnen des M. latissimus dorsi auf der rückständigen Seite: Reiten in Längsbiegung, Dehnungshaltung, Handarbeit in Stellung und Biegung und Longieren am Kappzaum, ggf. Cavaletti.


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